Kampagne VIi
Legitimität ohne Zustimmung
Wenn Systeme akzeptiert werden, ohne verstanden zu sein
Legitimität gilt als zentrale Voraussetzung von Governance. Entscheidungen sollen akzeptiert werden, weil sie nachvollziehbar, begründet und zustimmungsfähig sind. Dieses Verständnis setzt voraus, dass diejenigen, die betroffen sind, auch in der Lage sind, Entscheidungen zu prüfen, zu bewerten und gegebenenfalls abzulehnen.
Im Zeitalter komplexer, KI-gestützter Systeme beginnt dieses Modell zu brüchig zu werden. Entscheidungen werden nicht mehr primär legitimiert, sondern hingenommen. Systeme werden genutzt, weil sie funktionieren, nicht weil sie verstanden oder ausdrücklich gebilligt werden.
Diese Kampagne untersucht Legitimität nicht als Ergebnis von Zustimmung, sondern als
Effekt funktionaler Alternativlosigkeit. Sie fragt, wie Governance wirkt, wenn Akzeptanz entsteht, ohne dass Einverständnis vorliegt.
Von Zustimmung zu Akzeptanz
Klassische Legitimitätsmodelle beruhen auf Zustimmung. Ob demokratisch, organisatorisch oder vertraglich: Legitimität entsteht durch Beteiligung, Einwilligung oder zumindest nachvollziehbare Zustimmung.
KI-Systeme verschieben diese Logik. Ihre Nutzung beruht selten auf expliziter Zustimmung, sondern auf stillschweigender Akzeptanz:
- weil Alternativen fehlen,
- weil Komplexität Überprüfung verhindert,
- weil Effizienz wichtiger erscheint als Verstehen.
Akzeptanz ersetzt Zustimmung. Legitimität wird nicht mehr verhandelt, sondern
implizit unterstellt.
Funktionale Alternativlosigkeit
Viele KI-gestützte Systeme gewinnen Legitimität nicht durch Überzeugung, sondern durch Unverzichtbarkeit. Sie strukturieren Entscheidungen, Prozesse und Bewertungen so tiefgreifend, dass ein Rückzug kaum möglich erscheint.
Diese Kampagne beschreibt diesen Zustand als funktionale Alternativlosigkeit. Systeme werden akzeptiert, weil ihr Nicht-Einsatz höhere Kosten verursacht als ihr Einsatz – unabhängig davon, ob ihre Logik geteilt wird.
Legitimität entsteht hier nicht aus Zustimmung, sondern aus
Abhängigkeit.
Legitimität ohne Öffentlichkeit
Legitimität setzt traditionell Öffentlichkeit voraus: Entscheidungen müssen sichtbar, kritisierbar und diskutierbar sein. KI-Systeme unterlaufen dieses Prinzip, ohne es offen aufzukündigen.
Ihre Funktionsweisen bleiben:
- technisch komplex,
- proprietär geschützt,
- organisatorisch eingebettet.
Entscheidungen erscheinen objektiv, weil sie rechnerisch erzeugt werden. Kritik wird erschwert, nicht weil sie verboten ist, sondern weil ihr Bezugspunkt unscharf wird.
Legitimität verschiebt sich von öffentlicher Begründung zu
technischer Selbstverständlichkeit.
Macht durch Intransparenz
Wo Zustimmung fehlt, wächst Macht. Systeme, die akzeptiert werden, ohne verstanden zu sein, entziehen sich nicht nur Kontrolle, sondern auch Widerspruch.
Diese Kampagne macht deutlich:
Legitimität ohne Zustimmung ist kein neutraler Zustand. Sie begünstigt jene, die Systeme gestalten, betreiben oder interpretieren können – und marginalisiert jene, die ihnen ausgeliefert sind.
Macht entsteht hier nicht durch Entscheidung, sondern durch
Unhinterfragbarkeit.
Governance jenseits der Zustimmung
Diese Kampagne plädiert nicht für die Rückkehr zu einfachen Zustimmungsmodellen. In hochkomplexen Systemen ist vollständige Zustimmung oft illusorisch.
Stattdessen rückt sie eine andere Frage in den Mittelpunkt:
Wie kann Governance legitim bleiben, wenn Zustimmung strukturell nicht mehr einholbar ist?
Legitimität wird dann zur Gestaltungsaufgabe:
- durch überprüfbare Eingriffsmöglichkeiten,
- durch institutionalisierte Kritikfähigkeit,
- durch die bewusste Begrenzung technischer Autorität
Diskrete Wirksamkeit
Im Rahmen des Frameworks „Diskrete Wirksamkeit“ bedeutet Legitimität nicht maximale Transparenz, sondern verlässliche Zumutbarkeit.
Diskret wirksam sind Systeme, die:
- nicht alles erklären müssen,
- aber widersprechbar bleiben,
- nicht jede Zustimmung benötigen,
- aber Verantwortung offenhalten.
Legitimität entsteht nicht aus permanenter Zustimmung, sondern aus der
Möglichkeit des Widerspruchs.
Schlussbemerkung
„Legitimität ohne Zustimmung“ beschreibt keinen Ausnahmezustand, sondern eine neue Normalität. Organisationen und Gesellschaften akzeptieren Systeme, deren Logik sie nicht mehr vollständig verstehen – und deren Entscheidungen sie dennoch tragen müssen.
Die zentrale Herausforderung besteht nicht darin, Zustimmung zu erzwingen, sondern Legitimität trotz fehlender Zustimmung zu sichern.
Governance im KI-Zeitalter wird sich daran messen lassen müssen,
ob sie Akzeptanz in Verantwortung übersetzen kann –
oder ob sie Legitimität durch Funktion ersetzt.
