Kampagne XVII
Regeln, die nicht regeln
Warum wirksame Regeln Verhalten nicht festlegen –
und Governance gerade dort entsteht, wo Entscheidungen offen bleiben
Organisationen reagieren auf Unsicherheit traditionell mit Regelverdichtung.
Je komplexer die Umwelt, desto detaillierter die Vorgaben. Je diffuser die Verantwortung, desto präziser die Zuständigkeiten. Dieses Muster folgt einer vertrauten Logik: Wenn Verhalten nicht vorhersehbar ist, muss es normativ fixiert werden.
Doch unter Bedingungen digitaler, vernetzter und KI-gestützter Organisationen verliert diese Logik an Wirksamkeit. Regeln regeln zwar mehr – sie bewirken jedoch weniger. Sie erzeugen formale Konformität, ohne Entscheidungssicherheit zu schaffen. Sie strukturieren Abläufe, ohne Orientierung zu geben. Und sie verschieben Verantwortung, ohne sie zu tragen.
Diese Kampagne setzt genau an diesem Bruch an.
Die These
Wirksame Regeln regeln nicht.
Sie legen Verhalten nicht fest, sondern halten Entscheidungsspielräume offen.
Governance entsteht nicht durch die vollständige Vorabdefinition richtigen Handelns, sondern durch die bewusste Begrenzung dessen, was entschieden werden muss – und dessen, was offen bleiben darf. Regeln, die versuchen, jede Eventualität zu erfassen, verlieren unter Bedingungen struktureller Unsicherheit ihre orientierende Funktion. Sie erzeugen Scheinsicherheit, wo situative Urteilskraft gefragt wäre.
Die zentrale Frage lautet daher nicht:
Welche Regeln brauchen wir?
Sondern:
Welche Entscheidungen dürfen nicht durch Regeln ersetzt werden?
Regeln als Struktur, nicht als Anleitung
In dieser Perspektive sind Regeln keine Verhaltensanweisungen, sondern strukturelle Setzungen. Sie definieren Entscheidungsräume, keine Ergebnisse. Sie markieren Grenzen, keine Lösungen. Ihre Funktion liegt nicht in der Steuerung von Handlungen, sondern in der Stabilisierung von Erwartungen.
Regeln wirken dort am stärksten, wo sie nicht entscheiden.
Wo sie den Rahmen halten, ohne den Inhalt festzulegen.
Wo sie Verantwortlichkeit ermöglichen, statt sie zu substituieren.
Gerade in KI-gestützten Organisationen wird diese Differenz zentral. Algorithmische Systeme operieren regelbasiert, aber nicht verantwortungsfähig. Sie können Optionen berechnen, Wahrscheinlichkeiten gewichten und Prozesse optimieren – sie können jedoch nicht entscheiden, was gelten soll. Regeln, die algorithmische Logiken unkritisch fortschreiben, verwechseln Berechenbarkeit mit Legitimität.
Governance jenseits Regelgläubigkeit
Governance, verstanden als Ordnungsleistung, besteht nicht darin, Unsicherheit zu eliminieren. Sie besteht darin, sie institutionell tragfähig zu machen. Regeln übernehmen in diesem Kontext eine paradoxe Funktion: Sie stabilisieren Organisationen, indem sie nicht alles stabilisieren wollen.
Diese Kampagne argumentiert daher für eine bewusste Zurückhaltung im Regelwerk. Für Regeln, die Orientierung bieten, ohne Entscheidung abzunehmen. Für Normen, die Konflikte sichtbar machen, statt sie zu verdecken. Und für institutionelle Arrangements, die Verantwortung nicht in Verfahren auflösen, sondern in Situationen verorten.
Regeln, die nicht regeln, sind kein Ausdruck von Schwäche.
Sie sind Ausdruck organisationaler Reife.
Diskrete Wirksamkeit
Im Sinne des Frameworks Diskrete Wirksamkeit entfalten Regeln ihre Wirkung nicht über Durchsetzung, sondern über Ordnung. Sie wirken leise, indirekt und dauerhaft. Nicht als Instrumente der Kontrolle, sondern als Bedingungen von Entscheidungsfähigkeit.
Governance zeigt sich hier nicht in der Anzahl der Regeln, sondern in ihrer Zurückhaltung. Nicht in der Präzision der Vorschriften, sondern in der Qualität der offen gehaltenen Räume. Und nicht in der Sichtbarkeit von Normen, sondern in der Stabilität von Entscheidungen unter Unsicherheit.
Schlussbemerkung
Diese Kampagne versteht Regeln nicht als Antwort, sondern als Voraussetzung.
Nicht als Lösung, sondern als Bedingung von Lösungsfähigkeit.
Dort, wo Regeln nicht regeln,
beginnt Governance.
