KAMPAGNE XX
Wirksamkeit ohne Sichtbarkeit
Organisationen sind darauf trainiert, Wirkung sichtbar zu machen.
Kennzahlen, Reports, Dashboards und Narrative erzeugen den Eindruck, dass das Wirksame sich zeigen müsse, um zu gelten. Sichtbarkeit wird zur Voraussetzung von Legitimität.
Doch unter Bedingungen algorithmischer Vorstrukturierung, verteilter Entscheidungssysteme und nicht-linearer Kausalität verliert Sichtbarkeit ihre Eindeutigkeit. Was wirkt, lässt sich nicht mehr zuverlässig beobachten. Und was beobachtbar ist, ist nicht notwendigerweise wirksam.
Diese Kampagne setzt genau hier an: bei der Entkopplung von Wirksamkeit und Sichtbarkeit.
Wirksamkeit entsteht nicht erst dort, wo Effekte gemessen oder Handlungen zugeschrieben werden können. Sie entsteht in Strukturen, die Verhalten prägen, ohne es zu befehlen. In Ordnungen, die Erwartungen stabilisieren, ohne Entscheidungen zu erzwingen. In Architekturen, die Möglichkeiten eröffnen und zugleich begrenzen – oft lange bevor konkrete Handlungen erfolgen.
Governance operiert unter diesen Bedingungen nicht primär als Steuerungsinstrument, sondern als Gestaltungsleistung. Sie schafft Voraussetzungen, keine Ergebnisse. Ihre Wirkung liegt nicht im Eingriff, sondern im Rahmen. Nicht im Ereignis, sondern in der Dauer.
Mit dem Einsatz von KI verschärft sich diese Verschiebung. Algorithmische Systeme entfalten Wirkung, ohne sichtbar zu handeln. Sie priorisieren, filtern, gewichten und normalisieren – meist jenseits expliziter Entscheidungssituationen. Ihre Wirksamkeit zeigt sich nicht als Handlung, sondern als Verschiebung von Wahrscheinlichkeiten.
Sichtbarkeit folgt dieser Logik nicht. Sie bleibt an Ereignisse gebunden: an Entscheidungen, an Verantwortliche, an Zeitpunkte. Doch algorithmische Wirksamkeit ist kontinuierlich, verteilt und oft irreversibel. Sie wirkt, ohne aufzutreten.
Organisationen geraten dadurch in ein Paradox:
Je stärker sie auf Sichtbarkeit setzen, desto weniger erfassen sie das Wirksame.
Diese Kampagne argumentiert daher nicht für mehr Transparenz im klassischen Sinn. Transparenz bleibt notwendig, aber sie ist kein Ersatz für strukturelle Verantwortung. Was zählt, ist nicht, alles sichtbar zu machen, sondern das Unsichtbare ernst zu nehmen.
Wirksamkeit ohne Sichtbarkeit verlangt eine andere Form von Governance. Eine Governance, die nicht fragt, wer entschieden hat, sondern wie Entscheidungen vorbereitet wurden. Die nicht Effekte misst, sondern Möglichkeitsräume analysiert. Die Verantwortung nicht dort verortet, wo etwas geschieht, sondern dort, wo Bedingungen gesetzt werden.
In dieser Perspektive wird Wirksamkeit zu einer stillen Kategorie. Sie zeigt sich nicht im Handeln einzelner Akteure, sondern in der Stabilität von Ordnungen. In der Reproduzierbarkeit von Erwartungen. In der Fähigkeit einer Organisation, auch unter Unsicherheit kohärent zu bleiben.
Diese Form von Wirksamkeit ist nicht spektakulär. Sie erzeugt keine Narrative, keine Helden, keine klaren Kausalgeschichten. Gerade deshalb ist sie dauerhaft.
Die visuellen Arbeiten der Visual Structures folgen derselben Logik. Sie illustrieren keine Wirkung, sie behaupten sie nicht. Sie erzeugen Spannungen, Übergänge, Leerräume. Sie machen Struktur erfahrbar, ohne sie zu erklären. Sichtbarkeit wird hier nicht als Aufklärung verstanden, sondern als Resonanz.
Als Abschluss von Staffel IV markiert diese Kampagne keinen Endpunkt, sondern eine Verdichtung. Sie bündelt die zuvor entwickelten Themen – Wahrnehmung, Regelhaftigkeit, Verantwortung, Institutionen – in einer zentralen Einsicht:
Wirksamkeit ist keine Frage der Präsenz.
Sie ist eine Frage der Ordnung.
Governance, die auf Sichtbarkeit fixiert bleibt, reagiert zu spät. Governance, die Wirksamkeit strukturell denkt, wirkt, bevor sie sichtbar wird.
Damit schließt Staffel IV nicht mit einer Antwort, sondern mit einer Haltung:
Wirksamkeit muss nicht gezeigt werden, um zu bestehen.
Aber sie muss gestaltet werden, um zu tragen.
