Verantwortung als Konfiguration diskreter Entscheidungsprämissen: Zur Neuverortung von Zurechnung im KI-Zeitalter

Thomas Lemcke • 24. Oktober 2025

Das Framework der Diskreten Wirksamkeit legt nahe, Verantwortung nicht länger als nachgelagerte Zuschreibung zu begreifen, sondern als Ergebnis vorgelagerter Konfigurationen. In KI-gestützten Organisationen entstehen Entscheidungen nicht primär aus situativer Abwägung, sondern aus der Setzung von Prämissen, die den Entscheidungsraum strukturieren. Diese Prämissen – Daten, Modelle, Zielgrößen, Schwellenwerte – entfalten ihre Wirkung nicht kontinuierlich, sondern punktuell. Verantwortung ist daher an jene diskreten Momente gebunden, in denen diese Prämissen definiert, verändert oder stabilisiert werden.


Die Konsequenz für das Zurechnungsproblem ist weitreichend. Klassische Modelle gehen davon aus, dass Verantwortung entlang von Handlungsketten zugewiesen werden kann. Diese Annahme impliziert eine gewisse Transparenz der Kausalität. Diskrete Wirksamkeit zeigt hingegen, dass die entscheidenden Kausalbeiträge häufig außerhalb der sichtbaren Handlung liegen. Die operative Entscheidung ist nur noch der Ort der Aktualisierung einer bereits strukturierten Möglichkeit. Zurechnung, die sich ausschließlich auf diesen Punkt konzentriert, verfehlt die eigentlichen Wirkungsquellen.


Diese Verschiebung erzeugt eine systematische Unterbestimmung von Verantwortung. Während operative Akteure formal verantwortlich bleiben, verschieben sich die relevanten Einflussgrößen in Bereiche, die institutionell weniger klar adressiert sind. Systemische Mitwirkung wird zwar faktisch wirksam, bleibt aber normativ untercodiert. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen formaler Verantwortungszuschreibung und materieller Einflusslogik, das sich nicht durch einfache Reorganisation auflösen lässt.


Haftungsfragen fungieren in diesem Kontext als Korrektiv, das jedoch selbst an Grenzen stößt. Sie zwingen Organisationen, Verantwortung zu konkretisieren, wo sie strukturell diffus ist. In KI-Kontexten führt dies häufig zu einer Überdehnung bestehender Kategorien. Verschulden wird dort angenommen, wo lediglich eine ungünstige Konfiguration von Prämissen vorliegt; Kausalität wird konstruiert, wo lediglich statistische Korrelation besteht. Haftung wird damit zu einer Form der nachträglichen Ordnung, die die tatsächliche Logik der Entscheidungsentstehung nur unzureichend abbildet.


Im Rahmen der Diskreten Wirksamkeit lässt sich Haftung jedoch neu interpretieren: nicht als Reaktion auf isolierte Fehlhandlungen, sondern als Indikator für unzureichend gestaltete Entscheidungsprämissen. Ein Schaden verweist dann nicht primär auf individuelles Versagen, sondern auf eine Konfiguration von Setzungen, deren Wirkungen nicht hinreichend antizipiert wurden. Haftung verschiebt sich damit von der Ebene der Handlung auf die Ebene der Architektur.


Die Differenzierung zwischen operativer Handlung und systemischer Mitwirkung erhält in diesem Zusammenhang eine präzisere Kontur. Operative Handlung ist der Ort, an dem Entscheidungen sichtbar werden und an dem Verantwortung eingefordert werden kann. Systemische Mitwirkung hingegen ist die Sphäre, in der die Bedingungen dieser Entscheidungen definiert werden. Diskrete Wirksamkeit macht deutlich, dass die eigentliche Steuerungskraft in der zweiten Sphäre liegt. Verantwortung, die sich auf die erste beschränkt, bleibt notwendig unvollständig.


Implizite Verantwortungsverschiebungen entstehen genau dort, wo diese Unvollständigkeit nicht reflektiert wird. Sie zeigen sich in der Tendenz, Verantwortung entweder zu individualisieren oder zu entpersonalisieren. Im ersten Fall werden operative Akteure überlastet, im zweiten Fall wird Verantwortung in abstrakte Systemlogiken aufgelöst. Beide Strategien sind Ausdruck eines unzureichenden Verständnisses der zugrunde liegenden Wirkungsstruktur. Sie verdecken die Tatsache, dass Verantwortung aus der Relation zwischen Setzung und Entscheidung entsteht.


Die normativen Grenzbereiche der Verantwortung lassen sich im Rahmen dieser Perspektive als Zonen unklarer Setzungsverantwortung beschreiben. Hier werden Prämissen wirksam, ohne dass ihre normative Qualität explizit verhandelt wird. Beispielsweise kann die Wahl einer bestimmten Zielgröße – etwa Effizienz oder Risikominimierung – weitreichende Konsequenzen für die Verteilung von Chancen und Risiken haben. Wenn diese Wahl implizit erfolgt, entsteht eine Form von „blinder Normativität“, die sich der bewussten Steuerung entzieht. Verantwortung besteht dann nicht nur darin, Entscheidungen korrekt umzusetzen, sondern darin, die Setzungen, die diesen Entscheidungen zugrunde liegen, explizit zu machen und zu legitimieren.


Eine Governance, die sich an Diskreter Wirksamkeit orientiert, muss daher auf die Konfiguration von Entscheidungsprämissen ausgerichtet sein. Dies bedeutet, dass Organisationen ihre Aufmerksamkeit von der Kontrolle einzelner Entscheidungen auf die Gestaltung der zugrunde liegenden Strukturen verlagern. Verantwortungszuschreibungen müssen entlang der Punkte erfolgen, an denen diese Strukturen definiert werden. Dies erfordert neue institutionelle Arrangements, die systemische Mitwirkung sichtbar und adressierbar machen.


Zugleich bleibt die operative Ebene unverzichtbar. Sie ist der Ort, an dem Entscheidungen konkret werden und an dem Abweichungen von systemischen Vorgaben möglich sind. Verantwortung entsteht gerade im Zusammenspiel beider Ebenen: in der Fähigkeit, systemische Setzungen zu reflektieren und operative Entscheidungen entsprechend anzupassen. Eine Governance, die diese Wechselwirkung ignoriert, läuft Gefahr, entweder in technokratische Steuerung oder in symbolische Verantwortungszuschreibung zu verfallen.


Im Ergebnis zeigt sich, dass Verantwortung im KI-Zeitalter nicht reduziert, sondern präzisiert werden muss. Das Framework der Diskreten Wirksamkeit bietet hierfür einen analytischen Zugang, der die Aufmerksamkeit auf die entscheidenden Wirkungsorte lenkt. Verantwortung ist demnach keine Eigenschaft von Akteuren allein, sondern eine Funktion der Konfiguration von Entscheidungsprämissen. Sie entsteht dort, wo Setzungen Wirkung entfalten – und sie muss genau dort verortet und gestaltet werden.